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Was ist (k)ein kunstvolles Gedicht?

Es gibt zwei Gründe,
ein Kunstwerk nicht zu mögen:
wenn man es versteht,
und wenn man es nicht versteht

Man Ray (1890-1976)

Nur der Starke wird das Schicksal zwingen,
Wenn der Schwächling untersinkt.

(Schiller: Das Ideal und das Leben) >

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Rainer Maria Rilke (1897)

Halt' die Augen geschlossen, wenn du mehr sehen willst.
Woldemar Winkler (1902-2004)

Für Gedichteschreiber, ein Ästhetikdogma, kunstvoll zu brechen, wer kann:
Die nachstehend angeführten Kriterien für ein Gedicht im Sinne der Dichtkunst
sind, jedes für sich genommen, notwendige
* Bedingungen, aber keine ausreichenden.
Nur wenn ein Text mindestens alle drei Kriterien erfüllt, sei er ein kunstvolles Gedicht genannt .

Abertausend gedruckte oder anderswie publizierte "Gedichte" (auch in lyrik online) erfüllen diese Kriterien nicht. Sind sie trotzdem künstlerisch wertvolle Gedichte? Nach obiger Definition nicht. (Mit Definitionen werden Welten erfunden.)

Der Kitsch, die Pornographie und die wohlfeile Moral haben vielleicht andere Werte: sie erfüllen unsere sentimentalen, geilen oder selbstgerechten Erwartungen. Davon lebt der freie Markt. Immerhin. Kunst als das Werturteil, das sich gesellschaftlich-(ökonomisch) durchgesetzt hat ...

«Wenn wir [er + seine Mutter] Gemäldeausstellungen besuchten, so nahmen wir immer das betreffende Zeitungsblatt dorthin mit, um die Kritik an Ort und Stelle noch einmal durchzulesen, aus Furcht vor falscher oder ungenügender Bewunderung.»

André Gide, 1921

warum den Leuten alles mies machen?

«... dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts! ...»

Allgemeingültige* Kriterien könnten sein:
(*d.h.: «Amen!» / sh. auch: Arroganz der Allgemeingültigkeit >)

1. Text in Verszeilen dargestellt
  • Im Gedicht wird der Zeilenumbruch
    zum unverzichtbaren, absichtlich gesetzten Gliederungselement.
  • Der Zeilenumbruch entsteht nicht einfach aus Platzgründen;
    die gewählte Anordnung des Geschriebenen
    hat immer eine inhaltlichen Bedeutung (Sinn, Rhythmus u.dgl.).
  • Satzzeichen (Komma, Semikolon, Punkt, Gedankenstrich, Schrägstrich) oder Einrückungen und Leerzeilen können - aber müssen nicht - zusätzliche Gliederungsfunktionen übernehmen.
  • Kommen in einem Gedicht Sätze vor, und
    erfolgt der Zeilenumbruch im Innern des Satzes
    oder einer ähnlichen Sinneinheit,
    spricht man von "Zeilensprung" oder "Enjambement".
  • Ein Gedicht muss aber nicht unbedingt aus Sätzen bestehen.
  • Die üblichen Verszeilen erscheinen gelegentlich
    in grafisch abgewandeter Form.
2. Dichte, sprachliche Ökonomie
  • Ausufernde Texte, Beschreibungen, Erklärungen usw.
    werden nicht einfach zu Gedichten, weil sie in Versform
    oder gar gereimt und rhythmisch geschrieben worden sind (auch epische und dramatische Texte können in Verszeilen geschrieben sein).
  • Die Mitteilung wird nicht in viele redundante Worte und Sätze verpackt, sondern in eher knappe Formulierungen, deren einzelne Elemente dadurch bedeutungsschwerer und oft auch vieldeutiger werden und den Leser zum nachdenklichen Innehalten zwingen. Das gilt für kurze wie für lange Gedichte.
3. den Kriterien* von Kunst genügend

(*sh. auch: Arroganz der Allgemeingültigkeit)

 

1 Elmar Waibl
2 Miroslav Holub
3Schiller + Hegel
4Th.W. Adorno
5Wolfgang Welsch

Kunst ist schwierig zu definieren. Außerdem müssen sinnvolle Kriterien immer die geschichtliche Zeit, in welcher die Kunstwerke geschaffen wurden berücksichtigen; nicht jeder Zeitepoche werden dieselben Kriterien gerecht. Die nachstehenden Behauptungen können dem Gedichteschreiber vielleicht Anregung sein zur Selbstkritik seiner Erzeugnisse oder zur Erarbeitung eigener Kriterien.
  • Nicht alles, was Kunst genannt wurde und wird, genügt diesen Kriterien.
    Manche sagen:
    «Kunst ist, was heute Kunst genannt wird.» Das ist zumindest philosophisch betrachtet Unsinn! Wozu verwenden wir einen Begriff, wenn wir uns weigern, ihn gegen andere, z.B. "Natur", "Zufall" o.dgl. abzugrenzen. Wenn schon könnte es heißen: «Kunst ist alles, was sich heute auf dem Markt als Kunst verkaufen lässt.» Da gäbe es wenigstens ein Abgrenzungskriterium. Das grenzt aber unverkäufliche Werke (z.B. viele Gedichte) vom "Kunstsein" aus - oh je!

  • Die künstlerische Aussage - gleich wovon - ist immer ein emphatisches, intensivierendes, verdichtendes und akzentuierendes «Ecce!»-Statement ... Kunst sagt unausgesprochen immer mehr, als sie konkret sagt1.

  • Wissenschaft muss alles sagen. Kunst, die alles sagte, wäre ihr eigenes Grab2.

  • Aus der Perspektive klassischer Ästhetik formuliert:
    Das Kunstwerk ist ein sinnlich-geistiger Gegenstand, bei dem die Sinnlichkeit geistig und die Geistigkeit sinnlich ist3.

  • Wir werden von einem Kunstwerk einerseits angesprochen, durch Aspekte, die wir verstehen, und andererseits von ihm auf Distanz gehalten oder gar vor den Kopf gestoßen von dem, was wir daran nicht verstehen: «In dieser ästhetischen Distanz oszillieren wir zwischen Verstehen und Nichtverstehen, bzw. zwischen einem vorläufigen Verstehen und weiteren Verständnismöglichkeiten. Diese Spannung macht die anhaltende Faszination großer Kunst aus ...»1

  • Gute Kunst ist eine Herausforderung für Sinn und Geist.

  • Kitsch als schlechte (oder misslungene) Kunst ein bloßes Beruhigungsmittel, geistig bedeutungslos sich erschöpfend im Sinnlich-Emotionalen. Kitsch will billige Erwartungshaltungen erfüllen und bestätigen, ist überraschungslos1. (Das gilt für viele politisch engagierte "Gedichte" genauso wie für die nur pornographischen, heroischen oder süß tröstlichen!)

  • Zur Pornographie: Obszönität in der Kunst ist nicht mit Pornographie gleichzusetzen. Die Abgrenzungskriterien von der Kunst sind die rein sinnliche Oberflächlichkeit und Kurzlebigkeit, das völlige Fehlen der oben genannten "ästhetischen Distanz"1, welche auch dem Politkitsch abgeht, dessen Simplifikationen sich der Klaviatur moralischer Besserwisserei bedient.

  • Die selbe Oberflächlichkeit herrscht auch bei anderen Spielarten des Mainstream-Surfens vor. Das wird von den Zwängen der Medienwirtschaft hochgepeitscht: Die Nachfrage will bedient und zugleich mit allen Mitteln erzeugt und gesteigert werden. »Kulinarische Kunst«4 (bei der uns einfach wohl ist, wie »mit einem großen Bier oder wie in einem warmen Bad1») verkauft sich besser. Ja und?

Und wenn die Muse heut,
Des Tanzes freie Göttin und Gesangs,
Ihr altes deutsches Recht, des Reimes Spiel,
Bescheiden wieder fordert - tadelts nicht!
Ja danket ihrs, daß sie das düstre Bild
Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunst
Hinüberspielt, die Täuschung, die sie schafft,
Aufrichtig selbst zerstört und ihren Schein
Der Wahrheit nicht betrüglich unterschiebt,
Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.
Schiller, Prolog zum Wallenstein
  • Der österreichische Philosophiedozent Elmar Wahl schlägt vor, Kunst als eine Tätigkeit zu betrachten, durch welche »das könnerhafte und schöpferische Vermögen des Menschen, bewusst und gezielt mit sinnlichen Darstellungsmitteln ein Werk hervorbringt, das sich mit seinen geistigen Aussagen an das menschliche Empfindungsvermögen wendet.» (Elmar Waibl. Zwischen Ästhetik und Anästhesie. NZZ Nr. 254, S.65f)
    Das würde ich insofern auf die Kunst der Lyrik anwenden, als m.E. anstelle der Wendung "sinnliche Darstellungsmittel" stehen könnte: "lyrisches Sprachspiel". Sinnliches mag dabei den Wortfügungen, Sprachrhythmen und Klängen und dem Satzspiegel eigen sein. Die Lyrik ist ihrer sprachlichen Natur gemäß schon näher am Motto der Schiller'schen Ästhetik, der »Ausmerzung des Primärsinnlichen5», auch wenn ich es lediglich als eine Möglichkeit des Kunstwerkes unter anderen betrachte, dass, wie Schiller postuliert hat, der Stoff durch die Form vertilgt werden muss.

Die technische Kunstfertigkeit beim Verfertigen von Gedichten spielt eine große Rolle
für die Qualität der Produkte - dafür, worin sie besteht, lassen sich aber keine
allgemein gültigen Kriterien angeben; auch wenn gewisse Lyrikpäpste das gelegentlich
versuchen.

Alle anderen Kennzeichen von Gedichten sind Elemente geschichtlicher Entwicklungen,
Eigenheiten bestimmter literarischer Strömungen seit dem Altertum bis heute.
Sie sind für bestimmte Gedichtsformen charakteristisch, aber nicht für alle.
Dazu gehören etwa:

Solche spezifischen Eigenheiten von Gedichten kommen mehr oder weniger häufig
und natürlich in großem Formenreichtum durch alle Zeiten vor,
sind aber für die lyrische Dichtkunst keineswegs notwendig.
Als notwendig erachte ich nur die drei oben genannten Kriterien.
(Da keine Lyrikpäpste lyrik online zensurieren, werden hier nicht bloß,
gemäß diesen Kriterien, kunstvolle Gedichte veröffentlicht!)

antonio cho

sh. auch Arroganz der Allgemeingültigkeit >


Das Ideal und das Leben
Das Reich der Schatten / Das Reich der Formen

von Friedrich Schiller (1795)

Ewigklar und spiegelrein und eben
Fließt das zephyrleichte Leben
Im Olymp den Seligen dahin.
Monde wechseln, und Geschlechter fliehen;
Ihrer Götterjugend Rosen blühen
Wandellos im ewigen Ruin.
Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden
Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl;
Auf der Stirn des hohen Uraniden
Leuchtet ihr vermählter Strahl.

    Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen,
Frei sein in des Todes Reichen,
Brechet nicht von seines Gartens Frucht!
An dem Scheine mag der Blick sich weiden;
Des Genusses wandelbare Freuden
Rächet schleunig der Begierde Frucht.
Selbst der Styx, der neunfach sie umwindet,
Wehrt die Rückkehr Ceres' Tochter nicht;
Nach dem Apfel greift sie, und es bindet
Ewig sie des Orkus Pflicht.

    Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen,
Wandelt oben in des Lichtes Fluren
Göttlich unter Göttern die Gestalt.
Wollt ihr hoch auf ihren Flügeln schweben,
Werft die Angst des Irdischen von euch!
Fliehet aus dem engen, dumpfen Leben
In des Idealen Reich!

    Jugendlich, von allen Erdenmalen
Frei, in der Vollendung Strahlen
Schwebet hier der Menschen Götterbild,
Wie des Lebens schweigende Phantome
Glänzend wandeln an dem styg'schen Strome,
Wie sie stand im himmlischen Gefild,
Ehe noch zum traur'gen Sarkophage
Die Unsterbliche herunter stieg.
Wenn im Leben noch des Kampfes Wage
Schwankt, erscheinet hier der Sieg.

    Nicht vom Kampf die Glieder zu entstricken,
Den Erschöpften zu erquicken,
Wehet hier des Sieges duft'ger Kranz.
Mächtig, selbst wenn eure Sehnen ruhten,
Reißt das Leben euch in seine Fluthen,
Euch die Zeit in ihren Wirbeltanz.
Aber sinkt des Muthes kühner Flügel
Bei der Schranken peinlichem Gefühl,
Dann erblicket von der Schönheit Hügel
Freudig das erflogne Ziel.

    Wenn es gilt, zu herrschen und zu schirmen,
Kämpfer gegen Kämpfer stürmen
Auf des Glückes, auf des Ruhmes Bahn,
Da mag Kühnheit sich an Kraft zerschlagen
Und mit krachendem Getös die Wagen
Sich vermengen auf bestäubtem Plan.
Muth allein kann hier den Dank erringen,
Der am Ziel des Hippodromes winkt.
Nur der Starke wird das Schicksal zwingen,
Wenn der Schwächling untersinkt.

    Aber der, von Klippen eingeschlossen,
Wild und schäumend sich ergossen,
Sanft und eben rinnt des Lebens Fluß
Durch der Schönheit stille Schattenlande,
Und auf seiner Wellen Silberrande
Malt Aurora sich und Hesperus.
Aufgelöst in zarter Wechselliebe,
In der Anmuth freiem Bund vereint,
Ruhen hier die ausgesöhnten Triebe,
Und verschwunden ist der Feind.

    Wenn, das Todte bildend zu beseelen,
Mit dem Stoff sich zu vermählen,
Thatenvoll der Genius entbrennt,
Da, da spanne sich des Fleißes Nerve,
Und beharrlich ringend unterwerfe
Der Gedanke sich das Element.
Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born;
Nur des Meißels schwerem Schlag erweichet
Sich des Marmors sprödes Korn.

    Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,
Und im Staube bleibt die Schwere
Mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück.
Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen,
Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
In des Sieges hoher Sicherheit;
Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
Menschlicher Bedürftigkeit.

    Wenn ihr in der Menschheit traur'ger Blöße
Steht vor des Gesetzes Größe,
Wenn dem Heiligen die Schuld sich naht,
Da erblasse vor der Wahrheit Strahle
Eure Tugend, vor dem Ideale
Fliehe muthlos die beschämte That.
Kein Erschaffner hat dies Ziel erflogen;
Über diesen grauenvollen Schlund
Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen,
Und kein Anker findet Grund.

    Aber flüchtet aus der Sinne Schranken
In die Freiheit der Gedanken,
Und die Furchterscheinung ist entflohn,
Und der ew'ge Abgrund wird sich füllen;
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
Des Gesetzes strenge Fessel bindet
Nur den Sklavensinn, des es verschmäht;
Mit des Menschen Widerstand verschwindet
Auch des Gottes Majestät.

    Wenn der Menschheit Leiden euch umfangen,
Wenn Laokoon der Schlangen
Sich erwehrt mit namenlosem Schmerz,
Da empöre sich der Mensch! Es schlage
An des Himmels Wölbung seine Klage
Und zerreiße euer fühlend Herz!
Der Natur furchtbare Stimme siege,
Und der Freude Wange werde bleich,
Und der heil'gen Sympathie erliege
Das Unsterbliche in euch!

    Aber in den heitern Regionen,
Wo die reinen Formen wohnen,
Rauscht des Jammers trüber Sturm nicht mehr.
Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden,
Keine Thräne fließt hier mehr den Leiden,
Nur des Geistes tapfrer Gegenwehr.
Lieblich, wie der Iris Farbenfeuer
Auf der Donnerwolke duft'gem Thau,
Schimmert durch der Wehmuth düstern Schleier
Hier der Ruhe heitres Blau.

Tief erniedrigt zu des Feigen Knechte,
Ging in ewigem Gefechte
Einst Alcid des Lebens schwere Bahn,
Rang mit Hydern und umarmt' den Leuen,
Stürzte sich, die Freunde zu befreien,
Lebend in des Todtenschiffes Kahn.
Alle Plagen, alle Erdenlasten
Wälzt der unversöhnten Göttin List
Auf die will'gen Schultern des Verhaßten -
Bis sein Lauf geendigt ist -

    Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,
Flammend sich vom Menschen scheidet
Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.
Froh des neuen ungewohnten Schwebens,
Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens
Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt.
Des Olympus Harmonien empfangen
Den Verklärten in Kronions Saal,
Und die Göttin mit den Rosenwangen
Reicht ihm lächelnd den Pokal.

 

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